Worauf du beim Training in der Öffentlichkeit achten solltest | doParkour Blog

Worauf du beim Training in der Öffentlichkeit achten solltest

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In einigen Städten gibt es mittlerweile für diverse Ortschaften ein offizielles Parkour-Verbot. So zum Beispiel die Senf-Bauten und das Wohngebiet der Donauinsel in Wien oder die Rote Stadt in München. Möglicherweise hätte es dazu nicht kommen müssen, wenn sich die Traceure anders verhalten hätten. In England ist diese Thematik noch ausgeprägter als hierzulande, es gibt kaum einen Ort und Tag, an welchem man nicht zornig weggeschickt wird.

Mir ist es bisher noch nicht geschehen, dass ich angepöbelt oder gar mit Gewalt verscheucht wurde. Es ist für mich auch unverständlich, dass es dazu kommen muss. Einfach mal das Hirn anschalten, darüber nachdenken, was man tut, wo man es tut und wie man es vermittelt.

Hier möchte ich euch allgemein gültige Regeln mit auf den Weg geben, um ohne größere Probleme (fast) überall dort zu trainieren, wo es die Möglichkeiten dazu gibt.


1) offensichtlichen Privatgrund vermeiden

Klettert auf keinen Balkonen herum, springt nicht durch die Gärten eurer Nachbarn und vermeidet eingezäunte Gebiete. Das sollte normalerweise selbstverständlich sein, doch immer wieder kommen mir Geschichten zu Ohren, bei welchen mir der Unterkiefer nach unten klappt.

Bleibt von Spots fern, wo ihr offensichtlich nichts zu suchen habt.

2) „bedenkliche“ Spots in Gruppen vermeiden

Jeder schon länger trainierende Traceur kennt Spots, an welchen es nicht unbedingt gerne gesehen ist, wenn sich dort aufgehalten wird, man wird von dort aber nicht unbedingt weggeschickt. Oder es gibt bestimmte Bereiche, welche gemieden werden sollten und Zeiten, an welchen es ungeschickt ist, dort zu trainieren.

Für diese Spots gilt: zeigt sie so wenigen Leuten wie möglich, um zu vermeiden, dass dieser Trainingsort womöglich für alle gesperrt wird. Behaltet diese „Diamanten“ für euch und freut euch darauf, alleine dort trainieren zu können, zeigt sie maximal engen Freunden und Gästen, welchen ihr absolut vertraut und von welchen ihr euch sicher sein könnt, dass sie keinen Schabernack dort treiben.

3) Freundlich gegenüber Passanten agieren und reagieren

Diese Regel gehört nicht hierher, sie gehört in den Kopf eines jeden Mitmenschen der Gesellschaft. Ein freundlicher Umgang mit anderen Personen, ganz gleich, wie sie sich artikulieren. Im Regelfall lassen sich leichte Ungereimtheiten alleine mit Hilfe von Sympathie aus dem Weg räumen.

Immer schön positiv auffallen, das wirkt noch sehr lange nach.

4) Vor der Polizei NICHT abhauen

„Wer weg läuft, ist schuldig“ – und genau das bleibt in den Köpfen der Polizisten, wenn sie zu einer Ortschaft gerufen werden wegen jemandem, der „auf Garagen klettert, auf einem Geländer balanciert“ oder schlimmer noch: „Hier machen ein paar Leute Parkour, das sieht mir sehr gefährlich aus!“. Wenn ihr nun die Fliege macht, sobald die Polizei auftaucht, hinterlasst ihr automatisch den Eindruck, dass ihr etwas Verbotenes tut und sollte die Polizei euch dann doch einmal erwischen, habt ihr schlechte Karten, an diesem Ort nochmals trainieren zu dürfen.

Bleibt an Ort und Stelle, erklärt den Beamten, was ihr tut. Versucht, mit den Personen Kontakt aufzunehmen, welche für den „Einsatz“ verantwortlich sind und darüber zu reden. In den meisten Fällen wird die Sache noch vor Ort geklärt und ihr könnt mit der Gewissheit weiter trainieren, dass sogar die Polizei hinter eurem Training steht. Sie verhindert lieber Alkohol-Eskapaden an düsteren Ecken als dass sie jemanden davon abhalten, sich körperlich und mental zu ertüchtigen.

5) Einsicht zeigen und reden

Es gibt einen Grund, weshalb jedem angehenden Verkäufer gelehrt wird: „Stimme deinem Gegenüber immer zu.“

Jeder, der sich verstanden fühlt, fühlt sich gut. Und jemand, der sich gut und verstanden fühlt, lässt leichter mit sich reden. Kommt es zu einer Diskussion, versucht euch darauf zu konzentrieren, Punkte zu finden, an welchen euer Diskussionspartner (seht ihr, dort steht nicht DiskussionsGEGNER!) Recht hat. Erst von diesem Moment an könnt ihr euren Standpunkt klar machen und erklären, was ihr tut, wieso ihr beispielsweise an dieser bestimmten Stelle trainiert und weshalb es nicht böse oder gefährlich ist, dass ihr dort trainiert.

6) Gemeinsam Lösungen finden

Wenn sich nun euer Gegner Gesprächspartner nicht komplett von eurem Standpunkt überzeugen lässt, findet gemeinsam eine Lösung. Manchmal kommt es vor, dass ein Hausmeister nicht möchte, dass ihr zu bestimmten Uhrzeiten dort trainiert. Er erkennt, dass ihr nicht einer derjenigen seid, welche täglich Glassplitter und stinkende Plastikbecher zurücklassen sondern ganz einfach etwas für euren Körper und Geist tut. Und das möchte der Hausmeister unterstützen!

Doch manchmal lässt es sich für ihn nicht vermeiden, euch dennoch vom Platz zu verweisen, da er entweder eigene Auflagen hat oder nicht möchte, dass alle Schulkinder eure Sprünge auf dem Schulhof nachmachen. Er hat das Sagen, und doch gibt es meistens eine Lösung für beide: Training ab 17 Uhr oder am Wochenende, wenn kein Betrieb ist.

7) Nichts beschädigen

Es kommt leider immer mal wieder vor, dass eine Stange nicht so stabil ist, wie man geglaubt hat. Doch darum geht es hier gar nicht. Es geht um offensichtliches Beschädigen von Eigentum, dazu gehört auch das Verbiegen von Dachrinnen, Herausreißen von Pflanzen, weil sie im Weg sind und das Verwenden von Plastikmülltonnen zum Abfedern eines Sprungs.

Sollte einmal etwas kaputt gehen, meldet es dem Eigentümer. Ihr seid von Gesetz aus haftpflichtversichert und müsst für den aufkommenden Schaden nicht selbst aufkommen.

8) Nichts beschmutzen

Prinzipiell gehört das in die schon oben genannte Kategorie, ich möchte sie dennoch noch einmal hervorheben. Genau so wenig wie Kaugummis an Glasscheiben geklebt werden sollten, gehört Dreck von Schuhen nicht an weiße Wände.

In manchen Situationen lässt sich das nicht vermeiden, wenn es beispielsweise geregnet hat und vor einem Sprung Erde oder Rasen als Anlauf gegeben ist. Die Lösung? Den Sprung nicht ausführen.

(In Calw wurde die Polizei gerufen, da wir anscheinend die Wand schmutzig machten. Lustigerweise war sie an der Stelle, an welcher wir die Mauerüberwindungen trainiert hatten, durch den Abschliff von Staub und Moos sauberer als drumherum, aber man hat es eben gesehen.)

9) Einigermaßen ordentliche Klamotten tragen

Zerrissene XXXXL-Hosen, dreckige Pullover, löchrige T-Shirts: So sieht der 08/15 Traceur von heute wohl aus – und wird von Anderen genau so begutachtet. Ja, wir leben unsere Freiheit aus, doch heißt das gleich, dass man herumlaufen muss wie der Typ, der unter der Bahnhofs-Treppe haust?

Jogginghosen sind super, weite Pullover und T-Shirts mit Parkour-Motiven und -Sprüchen ebenso, keine Frage. Doch möchtet ihr als ersten Eindruck wirklich den oben genannten erwecken? Es hat auch ein wenig mit Respekt gegenüber den Mitmenschen zu tun…

10) Die „Gastrolle“ akzeptieren

Ganz gleich wo ihr trainiert: Ihr seid weder der Besitzer noch habt ihr irgend etwas dort zu sagen (zumindest in den meisten Fällen). Häufig werdet ihr dort lediglich geduldet, obwohl man euch jederzeit legal wegschicken könnte. Das soll auch so bleiben, doch das funktioniert nur, wenn sich jeder einzelne Traceur darüber bewusst ist, dass man eben kein Anrecht auf Anwesenheit auf dem Uni-Gelände, am Geländer der Stadtbibliothek, am Rathaus oder am Fundament der Kirche hat. Auch wenn etwas öffentlich zugänglich ist, darf man dort nicht automatisch tun, was man möchte.

Ihr seid maximal ein Gast und habt euch an die dort herrschenden Regeln zu halten. Und wenn der Gastgeber nicht mehr will, dass ihr in sein Blumenbeet flippt, dann habt ihr dies zu unterlassen, und zwar ohne Widerrede.

Bonus: Den Spot sauberer verlassen, als ihr ihn angetroffen habt

Sehr gerne gesehen von Passanten aber gerade auch von Grundbesitzern und Arbeitern in der Umgebung des Spots ist es, wenn ihr zusätzlich zu eurem eigenen Müll auch noch den von Anderen beiseite räumt.


Im Grund genommen solltet ihr vor jeder Aktion ein wenig nachdenken, ob das korrekt ist, was ihr vorhabt. Ja? -> Go for it. Nein? -> Bleiben lassen.

Eine Sache sollte euch rechtlich klar sein: Wenn ihr euch auf dem Gelände einer anderen Person verletzt, ist diese mit dafür verantwortlich. Eure Versicherung wird sich mit der des Geländes auseinandersetzen und in vielen Fällen die Kostenübernahme eurer Behandlung einfordern. Davon bekommt ihr überhaupt nichts mit, das geschieht im Hintergrund.

Sollte nun häufiger so etwas vorkommen ist klar, dass der Grundbesitzer nicht mehr möchte, dass ihr euch dort aufhaltet.

Storytime.


Eine kleine Geschichte, welche ich hierzu noch hinzufügen möchte, hat sich vor ungefähr 6 Jahren ereignet:

Ich trainiere, wie fast jeden Montag Nachmittag an einem meiner Lieblings-Spots: Am Parkdeck des Krankenhauses. Mir ist bewusst, dass dies von der Hausverwaltung nicht unbedingt für stark positiv begutachtet wird, allerdings hatte ich dort noch nie Probleme mit Passanten oder dem Eigentümer. Kommentare wie „Na du hast es zum Krankenbett zum Glück nicht weit!“ fielen dort häufiger als an anderen Orten, ansonsten gab es wie üblich eher bewundernde Blicke und interessante Gespräche.

Für gut 20 Minuten trainiere ich nun schon einen bestimmten Bewegungsablauf vom 1. Parkdeck auf die untere Ebene, nach einer Rolle geht es auf die rund 40 Meter lange Stange, am Ende angekommen ein präziser Sprung auf ein Treppengeländer, ohne nach vorn oder nach hinten zu kippen – und den selben Weg wieder zurück.

Während meiner vielleicht 8. Runde kommt ein Polizeiwagen angefahren und ich ahne schon, weshalb – wegen mir.

Ich lasse mir nichts anmerken und trainiere weiterhin meinen Ablauf, als die 2 Beamten mich auf der Hälfte der Stange bitten, herunter zu kommen.

Sie fragen mich, was ich hier tue (auf gute Good-Cop / Bad-Cop Manier). Ich erkläre also, dass ich lediglich balanciere, Sport treibe, das schon einige Jahre lang und das, was ich tue, „Parkour“ heißt. Nein, es findet nicht auf Häusern statt.

Nach wenigen gewechselten Sätzen bittet mich der „Good-Cop“, mal etwas zu zeigen.

Ich klettere also wieder die Mauer zum 1. Parkdeck hoch, nehme Anlauf, schwinge mich um das Geländer und rolle mich nach dem Sprung auf die untere Ebene ab, wie schon die anderen Male zuvor.

Nun schaut auch der „Bad-Cop“ recht interessiert, genau so wie alle anderen Zuschauer, welche zwangsweise zusehen mussten, da die Polizisten den Wagen mitten auf der Straße vor dem Krankenhaus haben stehen lassen.

Die Geschichte ging so aus, dass wir ein ausgiebiges Gespräch über die Jugend geführt, sie meine Daten aufgenommen und mir geraten haben, nicht mehr in komplett weißer Montur direkt vor einem Krankenhaus zu trainieren (hätte ich auch alleine draufkommen können…). Ein Verbot gab es nicht, keine Verwarnung oder Sonstiges, sondern ein angenehmes Gespräch mit offiziellen Beamten.


Die Personalien muss die Polizei in jedem Fall aufzeichnen, da man sonst den Hergang des „Besuchs“ nicht nachvollziehen kann und der Fall somit als abgeschlossen gilt.

Was wäre geschehen, wenn ich weggelaufen wäre?

Nunja, definitiv nichts Gutes. Entweder sie hätten mich erwischt und ich hätte mich erklären dürfen, weshalb ich vor ihnen weg renne oder ich wäre ihnen entwischt und sie hätten ein schlechtes Bild von mir und von Parkour im Allgemeinen erhalten. Sehr wahrscheinlich hätte es auch ein Verbot gegeben, sich dort aufzuhalten.

Noch nie habe ich einen Folgeanruf oder einen Besuch von der Polizei bekommen, nachdem meine Personalien aufgenommen worden sind.

All diese Regeln sind dazu da, um Parkour in der Gesellschaft akzeptabel zu machen (zu halten?), damit Traceure nah und fern die Möglichkeit haben, überall dort trainieren zu können, wo es für alle Beteiligten Sinn macht.

Bitte haltet euch an diese Regeln, damit es nicht noch mehr Verbote gibt, damit wiederum unsere Gesellschaft willkommen ist!

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Gabor
Gabor
Gründer von doParkour, Ansprechpartner für alle Fragen rund um doParkour.

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