Interview Nghi Vu - Eine andere Motivation | doParkour

Interview Nghi Vu – Eine andere Motivation

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Neue Leidenschaft, Große Ziele

Man muss nicht athletisch begabt sein um Parkour zu trainieren. Man muss nur den Willen und die Disziplin haben am Ball zu bleiben.


VORWORT

Durch einige gemeinsame Trainings und Gespräche mit Nghi sind mir einige erstaunliche Sichtweisen und Gedanken aufgefallen, die sich häufig erst nach 2-3 Jahren Parkour Training entwickeln. Bei ihr hat dies teilweise schon vor dem Training angefangen. Sie hat klare Ziele vor Augen und ich weiß, dass sie jene erreichen wird, obwohl ich sie auch erst vor knapp 4 Monaten über einen gemeinsamen Freund kennengelernt habe.

Ihre offene Art bewegte mich dazu, sie zu fragen, ob sie ihre Gedanken vielleicht in einem kurzen Interview teilen möchte – wie sich herausstellt, ist es dann doch nicht so kurz geblieben.

Nghi trainiert Parkour mit einer Herangehensweise, die doch sehr unterschiedlich ist von anderen Neulingen.

 

Lest selbst und habt viel Spaß dabei!

– Gabor


Damit ich nichts falsch erzähle – wer bist du und was machst du?

Mein Name ist Nghi Vu und ich bin 30 Jahre alt. Ich bin angehende Referendarin für das Lehramt am Gymnasium. Bevor ich mit Parkour angefangen habe, spielte ich Basketball und ging sporadisch in ein Fitnessstudio.

 

Wie bist du zu Parkour gekommen?

Durch Rapha und dich.

Ich bin echt glücklich darüber, dass ich euch kennengelernt habe. Ich weiß noch wie interessant ich es fand, dass du so euphorisch über Parkour erzählt hattest. Das witzige an der ganzen Sache war, dass du im Anzug vor mir gestanden bist, mir erzählt hattest dass du von Beruf Tanzlehrer bist und mich aber von Parkour überzeugen wolltest.
Rapha hat mich dann zum ersten Mal zum Trainieren mitgenommen und seit dem trainiere ich regelmäßig 3- 5 mal die Woche.

 

Wie lange bist du jetzt dabei?

Ich glaube etwa 3-4 Monate. Im Sommer habe ich angefangen.

 

Was ist der Unterschied zwischen Frauen und Männern bei Parkour? Zum einen der Anfang und dann auch das Weitermachen? Es ist Fakt, dass Männer doch einen enormen Vorteil haben, was beispielsweise die Muskeln angeht. Wie motivierst du dich, dann trotzdem weiterzumachen und auch mit Jungs / Männern zu trainieren?

Ich glaube, dass man sich nur mit sich selbst vergleichen darf. Nicht mit Männern und auch nicht mit anderen Frauen. Und das ist das Gute bei Parkour im Gegensatz zu anderen Sportarten wie z. B. Basketball. Wenn du gegen jemanden spielst und ihm körperlich unterlegen bist, dann funktioniert es nicht. Beim Parkour ist es so, dass du dir selber für jeden Tag, für den Monat oder das ganze Jahr, ein Ziel setzen kannst  und an DIR arbeiten kannst. Ich weiß, dass Männer den Frauen  körperlich überlegen sind und wir Frauen umso härter trainieren müssen um Muskeln aufzubauen, da wir von Natur aus weniger Kraft besitzen. Deshalb bin ich froh, dass ich Fabienne und die anderen Mädels kennengelernt habe. Dadurch habe ich ein paar Anlaufstellen, die mir die „Tricks“ zeigen, wie es einfacher geht oder dich, der mir die Technik zeigt. Man kann mit Technik viel „wettmachen”.

 

Das kann eines der “Probleme” sein. Es ist nicht so, dass man gar keine Kraft beim Parkour braucht, aber nicht für alles braucht man übermäßig Kraft und kann es trotzdem angehen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt bei Parkour ist der Umgang mit der Angst, mit der man in gewissen Situationen während des Trainings konfrontiert wird. Die Frage stellt man sich immer: Wovor hat man überhaupt Angst? Lernt man mit dieser Angst umzugehen und das Hindernis zu überwinden, lässt sich das Ganze auch auf den Alltag übertragen.

Das, was ich in den letzten 3-4 Monaten durch Freude und Spaß geschafft habe, möchte ich in Zukunft auch in meiner beruflichen Karriere umsetzen.

 

Ich finde das ein sehr interessanter Aspekt. Entweder es geben viel zu wenige zu oder es ist nicht mit in der Intention, Parkour zu betreiben. Vielleicht entwickelt sich das auch erst später: Du sagst direkt, dass du Parkour mit als Hauptgrund deswegen ausübst, weil du weiter kommen willst. Diese Grenze, das Hindernis vor Augen hast und dir sagst: „O-oh, da musst du durch.“

Das Verrückte ist ja, dass ich früher Sachen aus dem Weg gegangen bin, in denen ich nicht gut war bzw. Angst hatte, wie z.B. Bockspringen, Kästen, Bodenturnen. Stattdessen habe ich mich der Sportart gewidmet, die mir leicht gefallen ist und das war eben Basketball… und jetzt mache ich Parkour!

 

Alles was du nicht konntest, hast du vermieden.

Ja, genau. Und jetzt hab ich das für mich als Herausforderung vorgenommen und noch im Alter von 30 mit einer neuen Leidenschaft angefangen. Es hat bei mir *klick* gemacht: “Nghi, jetzt ist der richtige Zeitpunkt durchzustarten.“

Wenn ich mich an meine Anfangszeit zurück erinnere, wie oft ich Rapha angeschrieben habe: “Das ist zu schwer, ich kann das nicht machen, ich habe keine Kraft usw.” und er mich mental immer wieder aufgebaut, mich beruhigt und gesagt hat: „Das kommt schon noch. Das braucht eben eine Weile. Das kommt nicht von 0 auf 100. Bis die Sehnen sich dran gewöhnen, bis die Muskeln wachsen, bis das „Fett schmilzt“ (lacht :D).“

Ich weiß, ich kann einige Dinge natürlich noch nicht. Dafür muss man einfach mehr Muskeln haben und dementsprechend weiter trainieren. Damit finde ich mich gänzlich ab.

 

Wie hast du gesehen, dass hinter Parkour auch so viel Mentales steckt? Es ist ja nicht offensichtlich, wenn auf der Straße ein paar Jungs und Mädels hin und her springen und dabei ihren Spaß haben.

Ich habe es durch Rapha kennengelernt. Da habe ich diese Seite von Parkour stark mitbekommen. Das hat mich so an ihm fasziniert als ich ihn kennengelernt habe. Er konzentriert sich auf alles, denn ohne Konzentration passieren blöde Dinge. Das wurde mir von Anfang an von Rapha “in die Wiege gelegt”: Dass der Körper sich erst einmal daran gewöhnen muss, mental fit zu sein, denn er ist nicht der Typ, der kamikazehaft irgendwohin springt. Es ist, glaube ich, auch ein Unterschied wie man Parkour lernt. Wenn man nur von Videos lernt und sagt: “Wooooooaaaaa, geil altaaaaa! Das will ich auch machen!! So Flickflack und Saltos und so. Oder man lernt es “sanft” kennen durch einen Bekannten, einen Freund oder eine Community.

So ein geleitetes Training wie bei euch von doParkour finde ich gut. Gerade für Leute, die nicht so kommunikativ und offen sind wie ich. Auch für Jugendliche, wie z.B. Mädels und Jungs, die sich alleine zum Einsteigertraining trauen. Wenn sie Parkour lernen wollen, ist das eine gute Anlaufstelle.

Während eines Trainings kam ein Mann zu uns und fragte: “Hey, kann man das irgendwo lernen? Unser Sohn ist gerade 12.” So jemand ist ideal für doParkour. “Er springt sehr gerne rum, Fußballverein mag er nicht, wo kann man denn so was lernen?” Da habe ich ihm von eurem Angebot erzählt.

Er würde seinem Sohn vorschlagen doch einmal bei einem doParkour Einsteigertraining reinzuschnuppern und wäre auch dazu bereit Geld zu bezahlen. Denn für einen Fußballverein bezahlt er ja sonst auch.
Durch ein geleitetes Training lernen die Kinder es dann auch RICHTIG. Da kommt wieder die Pädagogin in mir hervor. Auf diese Art und Weise haben die Kids, die sich nicht so leicht integrieren können, nicht draußen mit anderen Kindern spielen, eine gute Möglichkeit, Parkour doch zu lernen. Und das finde ich eine super Sache!

Dafür ist doParkour ja unter anderem auch gedacht. Wir haben gemerkt, das Interesse ist da. Wir wurden immer wieder gefragt: Wo kann man das lernen? Wo kann man das regelmäßig machen? So ein geleitetes Training gab es noch nicht in dem Sinne. Also haben wir das Angebot geschaffen.

 

Es sind ja sehr viel Anfänger unterwegs, immer wieder, jede Woche. Was glaubst du, ist der Hauptgrund, weswegen doch so wenige dabei bleiben?

Parkour ist einfach knochenhart. Es hat mit Disziplin zu tun, es dauert extrem lange bis du dich weiter entwickelst und dann ist da noch die Sache mit den blutenden Händen, Schmerzen, blauen Flecken ;D

Moment – du hattest gerade gemeint, dass es lange dauert, bis man weiter kommt. Aber kleine Fortschritte macht man doch relativ schnell?

Ja klar. Man darf sich einfach nicht sagen: “Ich will in 2 Wochen `ne Katze können.”, weil manche Leute bei ihrem ersten Training, die noch nie Parkour gemacht haben, mit einem Katzensprung die Mauer überwinden. Aber das ist das Schöne an Parkour: Es geht immer nur um sein eigenes Trainingsziel.

 

Wo glaubst du, hast du am meisten Fortschritte gemacht? Und was war dein erstes Erfolgserlebnis, an welches du dich erinnern kannst?

Beim heutigen Training, als ich meinen ersten Lazy über die Mauer geschafft habe. Da ich alle anderen Bewegungen gaaaaanz laaangsaaaam über Wochen hin mir erarbeitet habe und durch meine Beharrlichkeit nun anwenden konnte. Das habe ich erst zwei Tage zuvor an einem Kasten zum ersten Mal geübt und hätte niemals im Traum daran gedacht es über eine hüfthohe Mauer zu schaffen. Ich hab immer nur alle anderen dabei gesehen und habe mir dies als Ziel für das kommende halbe Jahr gesetzt.

 

Hast du irgendwas, was dir am meisten Spaß macht?

Stangen. Runs an Stangen. Sachen hintereinander an Stangen zu kombinieren. Die Inspiration habe ich von einem Video, das mir ein Freund gezeigt hat:

 

Das Schöne daran ist, dass man eine Bewegung erst einmal erlernen muss und diese dann weiter für sich verfeinert. Diese Bewegung macht dann so viel Spaß, dass man nicht damit aufhören möchte sie zu wiederholen.

 

Es gibt da ein berühmtes Zitat von David Belle: „First do it. Then do it well. Then do it fast and well.“ Das sagt es im Prinzip aus, unter anderem bei dir heute.

Erst einmal machen. Es muss nicht gut aussehen, nicht cool sein, es muss sich nicht mal gut anfühlen. Hauptsache du kommst irgendwie drüber, ungefähr wie geplant. Und danach machst du es besser. Bis es gut ist. Und dann machst du es schnell und gut. 

So wird es automatisch flüssig. Wenn wir uns flüssig bewegen, sieht es für das menschliche Auge eben gut aus. Sorry. Dafür können wir gar nichts! 😀

 

 

Versuche mal in 2 oder 3 Sätzen zu beschreiben, was du glaubst, was dir Parkour gibt.

Freude. Freude bei dem, was ich mache. Dass ich glücklich bin, eine Ausschüttung von Glückshormonen. Es gibt mir mental einiges. Aber das war ja auch mein Ziel, warum ich mit Parkour angefangen habe.

 

Was würdest du anderen Neulingen mit auf den Weg geben?

Auch wenn es ein wenig weh tut: Dranbleiben. Wirklich. Es ist teilweise schmerzhaft: der Muskelkater beispielsweise. Nach dem ersten Training kann man sich mindestens 3 Tage lang nicht mehr bewegen. Nach einem Krafttraining kommst du 2 Tage nicht mehr aus dem Bett heraus.

Für mich war die große Motivation, gegen etwas anzukämpfen, wovor ich Angst hatte und dies ist meine treibende Kraft. Tag für Tag.

Man muss nicht athletisch begabt sein um Parkour zu trainieren. Man muss nur den Willen und die Disziplin haben am Ball zu bleiben.

 

Dann danke ich dir für dieses Interview, Nghi. Und wünsche dir das Erreichen deiner Ziele!

Gabor
Gabor
Gründer von doParkour, Ansprechpartner für alle Fragen rund um doParkour.

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