Interview Manon Weiss | doParkour
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Interview Manon Weiss

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Besorgt oder entspannt?

Es gibt durchaus genügend Versammlungsmöglichkeiten für Jugendliche, die alle „fürchterlich cool in der Ecke stehen“ – das hier war mir hingegen sehr sympathisch, weil mir auch dann erst bewusst geworden ist, dass Parkour kein Sport ist, der nur durch Angeberei zu bewältigen ist.


VORWORT

Seit einigen Wochen ist nun Pia, die 12-jährige Tochter von Manon Weiss, Teilnehmerin des Trainings jeden Freitag an der Universität Stuttgart Vaihingen. Wir konnten bereits einige Worte miteinander wechseln, so erfuhr ich mehrere interessante Gedankengänge, von welchen ich glaube, dass sie für euch ebenso interessant sein könnten, insbesondere vielleicht für Eltern.

Und so habe ich sie mir kurzerhand geschnappt und folgendes Interview aufgezeichnet.

 

Viel Spaß beim Lesen und Kommentieren!

– Gabor


Wir haben ja bereits ein paar kurze Gespräche gehabt. Ich möchte hiermit anderen Eltern klar machen, dass es nicht unbedingt halsbrecherisch ist, Parkour auszuüben. Aber ich möchte gar nicht selbst von mir reden, sondern dich zum Wort kommen lassen. Wie hast du von doParkour erfahren, was denkst du darüber, dass deine Tochter hier mitmachen möchte? Stelle dich doch zuerst einmal vor, was du machst und wer du bist.

Mein Name ist Manon Weiss, ich bin Instrumentenreparateurin. Pia ist unser jüngstes Kind, sie hat noch 3 ältere Geschwister. Sie war mit der ältesten Tochter, die Kunstturnerin ist, eine Zeit lang mit im Training. Kunstturnen hat dann doch ein erhöhtes Trainigspensum und die Dynamik dieser Vereine war mir nicht ganz geheuer. Das habe ich bei der Großen mitgemacht. Es ist sehr Leistungsorientiert und sie bekommen nur noch Gelder, wenn sie im Kaderturnen arbeiten. Es ist eigentlich sehr unmenschlich, wie es da zugeht. Wenn man die Leistungen nicht erfüllt, wird man aussortiert – es ist nicht so schön und die Freude am Sport bleibt auf der Strecke.

 

Ist es denn nicht so, dass es auch Gruppen gibt für den „Spaß“? Diese werden wahrscheinlich nicht gefördert…

Nein, Förderung gibt es da gar keine. Zudem dachte ich, dass ich sie hätte auch immer dort hinfahren müssen und wenn ich eh nicht dahinter stehe und sie sowieso nur zum Spaß dort hin möchte, weil sie sich gerne bewegt, dann lassen wir das.

Dann waren wir am Suchen… Bei uns an der Schule gibt es eine Zirkus-AG, in welcher sie mitgemacht hat. Aber dort ist sie mit Abstand die Älteste. Und Parkour… – naja wenn man so große Geschwister hat, bekommt man vieles gezeigt 😉

 

Stimmt, das hast du erzählt. Ihre Geschwister haben ihr Videos gezeigt: „Hey komm, das kannst du doch machen!“

Richtig. Und sie springt sehr gerne, sie war sowieso schon immer ein Bewegungsmensch und war immer draußen auf Bäumen unterwegs und da hat ihr das natürlich sofort zugesagt. Nach einigen Überlegungen fand ich es schwierig, wenn man das immer alleine so vor sich hin macht. Man ist ja sowieso ein wenig halsbrecherisch unterwegs als Kind und das war mir dann nicht so ganz recht. Sicher kann man probieren, überall runter zu springen und rüber zu springen aber wenn man ein paar Tipps dazu kriegt, wie man das vielleicht besser machen kann oder einfacher, nicht ganz so verletzungsträchtig, ist das sicher von Vorteil. So bin ich auf das Einsteigertraining gestoßen und dachte, das probieren wir doch mal aus.

 

Das ist ja letztendlich der Sinn. Wir sind für die Leute da, die erst einmal einen Einstieg haben möchten und so von erfahrenen Traceuren lernen können. 

Zum Training bin ich mitgekommen, weil ich sehen wollte, was das für Leute sind. Es gibt durchaus genügend Versammlungsmöglichkeiten für Jugendliche, die alle „fürchterlich cool in der Ecke stehen“ – das hier war mir hingegen sehr sympathisch, weil mir auch dann erst bewusst geworden ist, dass Parkour kein Sport ist, der nur durch Angeberei zu bewältigen ist. Man kann viel reden, aber der Körper gibt einem sofort die Grenzen.

 

Das ist richtig. Was hast du denn schon von der „Philosophie“ von Parkour mitbekommen?

Ich war ja nur beim Training mal dabei. Was mir da mal nur kurz aufgefallen ist, ist dass ihr eben auch sagt, dass ihr hier überall zu Gast seid, die Sachen benutzt, und ihr sollt eben achtsam damit umgehen. Wie ihr gegenseitig miteinander umgeht finde ich auch sehr freundlich, nicht hierarchisch oder so…

Ja das gefällt mir in der gesamten Parkour Community auch sehr gut. Ich möchte auch, dass sich alle Beteiligten wohl fühlen. 

 

Das Turnen an sich hat mittlerweile so einen Grad in der Gesellschaft bei den Jugendlichen und Kindern erreicht, dass es nur noch als „steif“ angesehen wird. Die Kids kennen mitterweile schon andere Sachen und auch der Schulsport ist gewissermaßen „eingeschlafen“. Sie wollen freier sein und deswegen bietet es sich auch ganz gut an, das (Parkour) auch an Schulen anzubieten. Das finden die Lehrer meistens auch sehr passend.

Was mir daran gefällt ist, dass man sich mit sich selbst auseinandersetzen muss. Nicht nur nach dem Motto “ich würde gerne” sondern auch “wie kriege ich das tatsächlich auch hin”. Man kann sich daran aufbauen, das finde ich das Schöne neben all der Theorie in der Schule. Es ist eine wichtige, leider vernachlässigte Art des Lernens.

 

Was hältst du von getrennten und gemischten Altersgruppen?

Da habe ich auch ein wenig darüber nachgedacht, weil Pia nun auch beim „Gemischten“ dabei ist.

Pia soll es für sich entscheiden, ob sie sich wohl fühlt und findet es hier sehr schön. Ich finde so altersgemischte Gruppen gar nicht so schlecht, weil man kann sich so gegenseitig ein wenig unterstützen. Für das Klima ist es denke ich auch ein wenig entspannter.

Ich finde es für die Jugendlichen auch schön, wenn sie sehen, dass jemand „so alt wie ich“ auch noch Spaß daran hat. Also dass es nicht nur für die Jugendlichen ist sondern dass es eine Art Bewegung ist, die sich einfach über diese Art, sich zu bewegen definiert und nicht über irgend eine Altersgruppe. Das gefällt mir sehr gut.

 

Ich möchte nochmal zum Thema „Elternteil“ zu sprechen kommen. Du hast ja schon erzählt, dass du viel mitgemacht hast von deinen anderen Kindern, von daher war es für dich jetzt nicht eine große Überwindung. Wenn du nun doch deine Tochter hier herumspringen siehst, hast du dann trotzdem ein bisschen Angst? Oder vertraust du hier komplett?

Ich bin hier relativ locker, muss ich gestehen. Weil ich gemerkt habe, je mehr ich mich sorge, desto mehr passiert auch. Sie soll es lieber ausprobieren und soll dabei geleitet werden und sich dadurch einschätzen können als wenn ich daneben stehe und sage: „Ne, mach das lieber so nicht!“

Wie gesagt, unsere Älteste ist da sehr abenteuerlustig veranlagt und ihr ist noch nie etwas passiert, weil sie sich sehr gut von Kind auf einschätzen kann.

Wenn man von Kindesalter an schon diese Einstellung vermittelt bekommt, denke ich, ist es das Richtige. Als ich „Kind“ war, gab es auch die Eltern, die ihr Kinder haben nichts machen lassen. Klettergerüst auf dem Spielplatz: „Komm da runter, dir geschieht noch etwas!“ Und das immer wieder, immer wieder. Dann ist das Kind eben mal herunter gefallen und dann heißt es: „Ich hab’s dir doch gesagt!“

 

Was würdest du Eltern raten, die Angst haben um ihre Kinder?

Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Man kann niemandem sagen: Mach’s doch. Dann ist man es nicht gewohnt und es passiert tatsächlich etwas. Nunja, das ist echt schwierig. Ich finde, wenn es wirklich ein Bedürfnis der Kinder ist, sich zu bewegen, dass man sie einfach mal probieren lassen sollte. Wer sich fähig fühlt, selbst mal ein Einsteigertraining mitzumachen, um zu sehen, wie das abläuft, sollte auch das tun. Und passieren kann immer und überall etwas.

Ich würde es allen meinen Kindern erlauben, wenn sie Lust haben. Sicher bin ich mir darüber bewusst: Hier sind keine Matten, wie in der Turnhalle. Wenn man hier hinfällt, tut man sich mehr weh, als wenn man das in einer Turnhalle macht.

Mein Bruder ist Lehrer, der hat sich im Klassenzimmer das Knie kaputt gemacht – also nur los hier draußen!

Pia soll ihren Spaß haben und ich finde, sie ist hier gut aufgehoben bei euch.

 

Das lassen wir doch mal so als Schluss stehen. Vielen Dank für deine Zeit, Manon.

Sehr gerne!

Gabor
Gabor
Gründer von doParkour, Ansprechpartner für alle Fragen rund um doParkour.

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